Gunnar Binder: „Der stationäre Handel wird auch in fünf Jahren relevant bleiben!”

Christ Gunnar Binder

Dr. Gunnar Binder, CEO © CHRIST

Steigende Edelmetallpreise verschieben zentrale Preisbereiche im Schmuckhandel. Für Anbieter entsteht die Herausforderung, Sortimente neu auszubalancieren und gleichzeitig relevant zu bleiben. Wie CHRIST diese Entwicklung konkret umsetzt, welche Rolle Materialien dabei spielen und wie sich das auf Struktur und Marktposition auswirkt, wird im Interview deutlich.



Der Schmuckhandel befindet sich in einer Phase struktureller Veränderungen. Steigende Materialpreise, neue Anforderungen an Sortiment und Vertrieb sowie ein verändertes Konsumverhalten stellen Anbieter vor neue Aufgaben. Wie CHRIST auf diese Entwicklungen reagiert und welche strategischen Schwerpunkte dabei gesetzt werden, erläutert CEO Dr. Gunnar Binder im Gespräch.

DERJUWELIER.at: CHRIST hat 2024 neun neue Standorte eröffnet, 2025 kamen weitere sechs hinzu – während viele Fachhandelsadressen schließen mussten. Welche Faktoren müssen aus Ihrer Sicht heute erfüllt sein, damit stationäres Wachstum in diesem Marktumfeld möglich bleibt?

DR. GUNNAR BINDER: Stationäres Wachstum ist möglich, wenn stationärer Handel und digitale Angebote konsequent zusammengedacht werden. Unsere 360-Grad-Omnichannel-Strategie sorgt dafür, dass Kund:innen kanalübergreifend ein konsistentes Preis- und Markenerlebnis haben. Gleichzeitig prüfen wir neue Standorte sehr sorgfältig hinsichtlich Lage, Zielgruppe und Wirtschaftlichkeit. Ziel ist es, mit jedem Store gezielt zur Schärfung der Marke CHRIST und zu klar definierten Kennzahlen beizutragen.

DJ: Die neuen CHRIST-Filialen unterscheiden sich konzeptionell deutlich von älteren Standorten. Welche Rolle spielen Aufenthaltsqualität und Erlebnis heute im Vergleich zur klassischen Warenpräsentation?

GB: Erlebnis und Service stehen heute klar im Mittelpunkt. Neben klassischen Serviceleistungen wie Reparaturen, Gravuren oder Goldankauf setzen wir auf ein modernes Store-Design mit klarer Orientierung und hoher Aufenthaltsqualität. Zentrale Elemente sind der CHRIST Diamant Shop-in-Shop als Eyecatcher sowie integrierte Markenauftritte wie Longines, Rado, Tissot oder Maserati. Strategische Sortimentsfelder wie CHRIST Gold, Lab Grown Diamonds, Männerschmuck und recyceltes Silber werden gezielt ausgebaut. Unsere Stores sind offen und bewusst nicht überladen: hochwertiger Schmuck steht klar im Fokus. Digitale Touchpoints unterstützen zusätzlich die Orientierung und verbinden Online- und Offline-Shopping.

DJ: Steigende Gold- und Silberpreise verändern aktuell die Rahmenbedingungen im Schmuckhandel. Wie reagieren Sie darauf in Ihrer Sortimentsstruktur?

GB: Wir sehen aktuell einen klaren strukturellen Effekt. Gold bleibt auf einem hohen Niveau, Silber ist ebenfalls deutlich teurer geworden. Gleichzeitig haben wir aber weiterhin einen großen Preisbereich, den wir im Sortiment abdecken müssen. Daraus ergibt sich für uns die Notwendigkeit, die Sortimentsstruktur entsprechend anzupassen und neu auszubalancieren. Das betrifft sowohl die Materialwahl als auch die Preisstruktur im Sortiment.

DJ: Welche Rolle spielt Edelstahl in diesem Zusammenhang konkret in Ihrem Sortiment?

GB: Edelstahl ist für uns vor allem deshalb relevant, weil er im Gegensatz zu Edelmetallen berechenbar ist. Er ermöglicht es uns, stabile Einstiegspreislagen darzustellen und diese auch langfristig verlässlich zu kalkulieren. Gleichzeitig hilft er uns, einen Preisbereich abzudecken, der durch die Entwicklung bei Gold und Silber unter Druck geraten ist.

„Edelstahl ist für uns vor allem deshalb relevant, weil er im Gegensatz zu Edelmetallen berechenbar ist.“

Dr. Gunnar Binder, CEO CHRIST

DJ: Mit dem CHRIST CLUB investieren Sie gezielt in Loyalty. Wie wichtig ist Kundenbindung inzwischen als wirtschaftlicher Faktor im stationären Schmuckhandel?

GB: Kundenbindung ist heute ein zentraler wirtschaftlicher Erfolgsfaktor im stationären Schmuckhandel. In einem wettbewerbsintensiven Markt entscheidet nicht nur das Produkt, sondern vor allem die Qualität der Kundenbeziehung über nachhaltigen Erfolg. Mit dem CHRIST CLUB investieren wir gezielt in Loyalty. Durch kontinuierliches Feedback entwickeln wir Sortiment und Services passgenau weiter und bauen langfristige, vertrauensvolle Beziehungen auf. Mitglieder profitieren von Vorteilen wie kostenlosen Schmuckreinigungen, exklusiven Angeboten, Bonusguthaben und Gratis-Gravuren. Ergänzend stärken modernisierte Stores mit einem zeitgemäßen Einkaufserlebnis die emotionale Bindung an unsere Marke.

DJ: Mobile Kassen und digitale Prozesse verändern den Verkaufsalltag. Sehen Sie Technologie primär als Effizienzhebel oder auch als Instrument zur Verbesserung von Beratung und Abschluss?

GB: Technologie ist beides. Mobile Kassen und digitale Prozesse steigern die Effizienz, gleichzeitig verbessern digitale Touchpoints im Store die Beratung und schaffen eine nahtlose Verbindung zwischen Online- und Offline-Erlebnis.

DJ: Das Verschwinden vieler Fachhandelsadressen wird häufig als alarmierend beschrieben. Sehen Sie darin ein Risiko für die Branche oder eine notwendige Marktbereinigung?

GB: Der Rückgang vieler Fachhandelsadressen ist Teil eines konsolidierenden Marktes. Er ist zugleich Warnsignal für die abnehmende Frequenz in den Innenstädten, bietet aber auch Chancen für eine notwendige Marktbereinigung. Gerade in diesem Umfeld ist es entscheidend, attraktive stationäre Standorte zu sichern und gezielt auszubauen, um die Sichtbarkeit als moderner, hochwertiger Juwelier mit starkem Serviceversprechen zu stärken. Gleichzeitig gewinnt der Omnichannel-Gedanke weiter an Bedeutung: Ohne stationäre POS in erreichbarer Kundennähe ist eine nahtlose Vernetzung von Offline- und Online-Angeboten nicht möglich. Langfristig wird entscheidend sein, ob es gelingt, die verbleibenden Stärken des Fachhandels – insbesondere Beratungskompetenz, Individualität, Handwerk und Vertrauen – gezielt weiterzuentwickeln und mit modernen Vertriebs- und Servicekonzepten zu verbinden.

PREISSTRUKTUR. CHRIST zeigt, wie breit Preis- und Materialwelten heute aufgestellt sein müssen. Neben klassischen Edelmetallen gewinnen alternative Materialien an Bedeutung, um Zielgruppen zu erweitern und Preislagen im Sortiment langfristig abzusichern. © CHRIST

DJ: Als einer der größten stationären Anbieter prägt CHRIST die Marktstruktur mit. Welche Rolle kommt großen Filialisten aus Ihrer Sicht für die Zukunft des stationären Schmuckhandels zu?

GB: Großen Filialisten kommt künftig eine noch stärkere Schlüsselrolle als Strukturgeber und Innovationstreiber im stationären Schmuckhandel zu. Wir fungieren als wichtige Frequenzbringer für Innenstädte und Einkaufszentren und machen Schmuck für eine breite Zielgruppe sichtbar und zugänglich. Damit tragen wir wesentlich dazu bei, dass der stationäre Schmuckhandel insgesamt relevant bleibt. Zugleich treiben große Filialisten die Omnichannel-Integration entscheidend voran und schaffen Verknüpfungen zwischen stationärem Einkauf, digitalen Services und Online-Vertrieb. Durch unsere Größe und Markenbekanntheit sind wir außerdem in der Lage, neue Themen und Trends schnell in die Fläche zu bringen – etwa in den Bereichen Nachhaltigkeit, Lab-Grown Diamonds oder Personalisierung. Nicht zuletzt bieten wir Orientierung in einem komplexer werdenden Markt. CHRIST steht für Verlässlichkeit, Sortimentsbreite und ein klares Preis-Leistungs-Verhältnis – Eigenschaften, die für viele Kundinnen und Kunden eine wichtige Entscheidungsgrundlage darstellen.

DJ: Wenn Sie fünf Jahre vorausblicken: Welche Rolle wird der stationäre Schmuckhandel dann noch spielen und wie muss er sich verändern, um wirtschaftlich relevant zu bleiben?

GB: Der stationäre Schmuckhandel wird auch in fünf Jahren wirtschaftlich relevant bleiben, wenn er sich konsequent weiterentwickelt. Er wird weniger als reiner Verkaufsort wahrgenommen werden, sondern stärker als Erlebnis-, Beratungs- und Vertrauensraum. Schmuck ist ein emotionales, häufig hochpreisiges und sehr persönliches Produkt. Kundinnen und Kunden möchten Schmuck sehen, fühlen, anprobieren und individuell beraten werden – insbesondere bei bedeutenden Anlässen wie Verlobungen, Hochzeiten oder persönlichen Meilensteinen.

Für CHRIST bedeutet das konkret: Wir setzen auch 2026 auf Expansion mit acht bis zehn Neueröffnungen. Neue Stores benötigen Anlaufzeit, zeigen jedoch langfristig großes Potenzial. Entscheidend bleiben dabei starke Standorte, Kundennähe, ein klares Markenprofil, hohe Servicequalität sowie die Verbindung von stationärem Handel und digitalen Angeboten.

DJ LeiLu Binder

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